3D-Drucker kalibrieren: Fluss, Pressure Advance und Input Shaping
erklären wir kurz, wenn du darauf zeigst oder tippst.
Ein gutes Standardprofil bringt dich schon weit. Wenn aber Ecken ausbeulen, Oberseiten Rillen haben oder Wände nicht ganz geschlossen sind, liegt es oft an Werten, die zum Material oder zum Drucker nicht ganz passen. Mit ein paar Kalibrierungen bekommst du diese Werte in den Griff. Wichtig ist die Reihenfolge, weil die Einstellungen aufeinander aufbauen.
Die Reihenfolge
Die OrcaSlicer-Dokumentation empfiehlt diesen Ablauf:
| Schritt | Kalibrierung | Was sie einstellt |
|---|---|---|
| 1 | Temperatur | beste Düsentemperatur für das Filament |
| 2 | Maximaler Volumenstrom | wie viel Material das Hotend pro Sekunde schafft |
| 3 | Pressure Advance | Druckausgleich in der Düse bei Tempowechseln |
| 4 | Fluss | wie viel Material insgesamt gefördert wird |
| 5 | Retraction | Rückzug gegen Fäden |
| 6 | Input Shaping | Ausgleich von Schwingungen der Mechanik |
In älteren Anleitungen steht der Fluss oft vor Pressure Advance. Beide beeinflussen sich gegenseitig ein wenig. Wenn du nach dem Fluss merkst, dass die Ecken nicht mehr stimmen, mach Pressure Advance einfach noch einmal.
Temperatur, Volumenstrom, Pressure Advance, Fluss und Retraction hängen vom Filament ab und werden im Filamentprofil gespeichert. Input Shaping hängt nur von der Mechanik ab und gilt für alle Materialien.
1. Temperatur
Mit einem Temperaturturm druckst du mehrere Abschnitte bei unterschiedlichen Temperaturen und vergleichst Oberfläche, Brücken und Fäden. Wie das geht und welche Bereiche für welches Material üblich sind, steht in Drucktemperatur einstellen.
2. Maximaler Volumenstrom
Dieser Test zeigt, ab welcher Menge pro Sekunde das Hotend nicht mehr mitkommt. OrcaSlicer startet standardmäßig bei 5 mm³/s und steigert bis 20 mm³/s in Schritten von 0,5. Du misst die Höhe, ab der die Oberfläche schlechter wird, und rechnest:
Volumenstrom = Startwert + (gemessene Höhe in mm × Schrittweite)
Beispiel: Fehler ab 19 mm Höhe ergeben 5 + 19 × 0,5 = 14,5 mm³/s. Davon ziehst du 10 bis 20 % als Reserve ab. Warum dieser Wert so wichtig ist, erklärt Druckgeschwindigkeit.
3. Pressure Advance
Filament ist im Extruder etwas zusammengedrückt. Wenn der Druckkopf beschleunigt, kommt das Material verzögert, wenn er bremst, drückt es nach. Die Folge: Ecken beulen aus, Linienanfänge sind dünn, die Naht ist unsauber. Pressure Advance (bei Marlin “Linear Advance”, bei Bambu Lab “Flow Dynamics”, der Wert heißt oft K) gleicht das aus, indem der Extruder beim Beschleunigen etwas vorschiebt und beim Bremsen etwas zurücknimmt.
OrcaSlicer bietet drei Tests:
- Linien: am schnellsten, aber stark von einer guten ersten Schicht abhängig.
- Muster: Winkel aus mehreren Linien, gut zu beurteilen, mehrere Tests auf einer Platte möglich.
- Turm: unabhängig von der ersten Schicht. Du suchst die Höhe mit den saubersten Ecken und rechnest Startwert + Schrittweite × Höhe.
Bei Marlin-Druckern muss Linear Advance in der Firmware aktiviert sein. Das ist nicht bei jedem Modell der Fall.
4. Fluss
Der Fluss (auch Flow Ratio oder Extrusionsmultiplikator) skaliert die gesamte geförderte Menge. Zu niedrig führt zu Lücken und schwachen Teilen, siehe Unterextrusion. Zu hoch führt zu Wülsten und zu großen Maßen.
Mit dem Test im Slicer
OrcaSlicer druckt mehrere kleine Blöcke mit verschiedenen Flusswerten. Du suchst den Block mit der glattesten Oberseite ohne Lücken. Beim empfohlenen “YOLO”-Test rechnest du einfach: neuer Fluss = alter Fluss + Wert des besten Blocks. Aus 0,98 und +0,01 wird 0,99.
Klassisch mit dem Messschieber
Ohne eingebauten Test geht es so: Druck einen Würfel mit nur einer Wand und ohne Deckel. Miss die Wanddicke an mehreren Stellen und bilde den Durchschnitt. Dann:
neuer Fluss = alter Fluss × Soll-Wanddicke ÷ gemessene Wanddicke
Beispiel: Eingestellt sind 1,00 und eine Linienbreite von 0,45 mm. Du misst 0,48 mm. Neuer Fluss: 1,00 × 0,45 ÷ 0,48 ≈ 0,94. Diese Methode ist ungenauer, weil schon kleine Messfehler viel ausmachen.
5. Retraction
Der Rückzug verhindert Fäden bei Leerfahrten. Der Test druckt mehrere Türme mit steigender Rückzugslänge, du wählst den Wert ab dem keine Fäden mehr entstehen. Direktextruder brauchen meist deutlich weniger Rückzug als Bowden-Systeme. Mehr in Stringing.
6. Input Shaping
Jeder Drucker schwingt bei bestimmten Frequenzen. Bei schnellen Richtungswechseln entstehen dadurch Wellen auf der Oberfläche, das sogenannte Ghosting. Input Shaping steuert die Motoren so, dass diese Schwingungen sich gegenseitig aufheben.
OrcaSlicer bietet dafür einen Frequenztest und einen Dämpfungstest für Klipper, Marlin und RepRapFirmware. Du druckst einen Turm mit sehr hoher Beschleunigung, suchst die Höhe mit den geringsten Wellen und liest daraus die Frequenz ab. Die OrcaSlicer-Anleitung empfiehlt, das etwa einmal im Jahr oder nach mechanischen Änderungen zu wiederholen, zum Beispiel nach neuen Riemen oder einem Umzug des Druckers.
Was moderne Drucker selbst erledigen
Viele aktuelle Drucker nehmen dir einen Teil davon ab:
- Input Shaping: Drucker mit eingebautem Beschleunigungssensor messen die Resonanzen selbst, oft beim ersten Start oder per Menüpunkt.
- Pressure Advance: Einige Geräte kalibrieren den Wert automatisch vor dem Druck, etwa mit einem Sensor am Druckkopf oder am Bett. Bambu Lab nennt das Flow Dynamics Calibration.
- Bettvermessung und Z-Offset: messen fast alle neuen Drucker selbst.
Was meist bleibt: Temperatur, Fluss und Retraction für neue Filamente. Bei Herstellerfilamenten mit fertigem Profil kannst du oft ganz darauf verzichten.
Tipps
- Immer nur eine Sache auf einmal ändern.
- Ergebnisse im Filamentprofil speichern, am besten mit Hersteller und Farbe im Namen.
- Feuchtes Filament verfälscht alle Tests, also vorher trocknen.
Weiter mit: OrcaSlicer, dort findest du alle Tests im Menü “Kalibrierung”.